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17.01.2018

Masse oder Qualität? Es geht um viel.

20.12.2017
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Wie hart der Kampf um den Medienkonsumenten inzwischen geworden ist, zeigt der offen zutage trendende Konflikt zwischen Zeitungsmedien und den Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auf. Die  Öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse (AGRA) hatten in einer „Frankfurter Erklärung“ beklagt, von Kolleginnen und Kollegen in Zeitungsredaktionen als Staatsfunk bezeichnet und in ihrer Arbeit verunglimpft zu werden.

Digital-Geschäftsmodell durch ARD und ZDF mit Gebührenfinanzierung?

Die Auseinandersetzung schwelt um das Thema digitale Bezahl-Angebote von ARD, ZDF versus den Zeitungsmedien. 
„Für die privaten Zeitungsverlage, die ebenso wie die öffentlich-rechtlichen Sender einen wichtigen Beitrag zur journalistischen Vielfalt und Qualität leisteten, sei es unverzichtbar, neben Werbeerlösen auch Erlöse aus digitalen Abonnements zu erzielen. Online-Journalismus sei andernfalls langfristig nicht zu refinanzieren. „Wenn kein nachhaltig erfolgreiches digitales Geschäftsmodell etabliert werden kann, wäre bei weiter rückläufigem Printgeschäft ein Verlagssterben, eine Reduzierung der Vielfalt die Folge. Wenn dann irgendwann quasi nur noch öffentlich-rechtliche Online-Zeitungsangebote zur Verfügung stünden, dann und nur dann würde eine Art ‚Staatspresse‘ entstehen, ein Monopol, das von zentral erhobenen Gebühren lebte und unter der Aufsicht von Politikern aller Parteien stünde“, so Dr. Mathias Döpfner. 
Dieses Konjunktiv-Szenario als Vorwurf derart misszuverstehen, die Journalisten der ARD seien ‚Staatspresse‘, ist böswillig. Gemeint war es so nie“, versicherte Dr. Mathias Döpfner und bot an, den Dialog mit den Autoren der Frankfurter Erklärung auch persönlich und öffentlich fortzusetzen. 
Denn: „Es geht um viel.“

Informationsflut überfordert Teile der Gesellschaft

Die unendliche Fülle der zur Verfügung stehenden Informationen führt in Teilen der Gesellschaft zu einer Informationsillusion. Das erklärte die Leiterin des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD), Professor Dr. Renate Köcher, beim Jahreskongress des BDZV in Stuttgart. Prof. Dr. Köcher erläuterte anhand ihrer im Auftrag des BDZV angefertigten Studie mit dem Titel „Die informierte Gesellschaft – Fakt oder Illusion?“, dass die Fülle der verfügbaren Informationen einerseits zu einer schärferen Selektion führe, andererseits ein guter Informationsstand oft definiert werde als „auf dem Laufenden sein, wissen, was gerade passiert“. Dabei gehe es jedoch nicht um ein tieferes Verständnis der Ereignisse, ihrer Ursachen und Konsequenzen. 52 Prozent der Bevölkerung informierten sich, wie die Untersuchung ergeben habe, mehrmals täglich über die neuesten Nachrichten; 42 Prozent präferierten knappe und kurze Informationen; nur 31 Prozent legten großen Wert darauf, sich gründlich zu informieren. Jeder Zweite halte 15 bis maximal 30 Minuten oder weniger täglich für ausreichend, um einen guten Informationsstand zu sichern.
Laut Studie ist die große Mehrheit der Bürger Deutschlands subjektiv davon überzeugt, dass der Informationsstand heute generell höher ist als vor Einführung des Internets. Mit Blick auf das eigene Wissen ziehe die überwältigende Mehrheit sogar eine ausgesprochen positive Bilanz, führte Köcher aus. 
72 Prozent stuften sich in Bezug auf das aktuelle Geschehen als gut informiert ein. Vor diesem Hintergrund liege die Frage nahe, „ob die stete Konfrontation mit einem schier unerschöpflichen Informationsangebot nicht nur zu einem höheren Informationsstand führt, sondern teilweise auch zu einer Informationsillusion?“. 
Diese Vermutung werde in der Studie partiell bestätigt, erklärte die Meinungsforscherin, denn schon konkretere Nachfragen, bei welchen Themen man sich denn gut informiert fühle, führten zu einer wesentlich bescheideneren Bilanz: 
Stehe etwa abstrakt das weltweite Geschehen zur Diskussion, stuften sich 61 Prozent der gesamten Bevölkerung als gut informiert ein. Jede Konkretisierung reduziere diese Selbstbeinschätzung jedoch drastisch. So seien beispielsweise nur 29 Prozent der Befragten überzeugt, dass sie auch in Bezug auf aktuelle Entwicklungen im Zusammenhang mit Russland gut informiert seien; in Bezug auf die Politik der Europäischen Kommission oder die Beschlüsse des europäischen Parlaments sei es gerade einmal jeder Fünfte. 

Junge Menschen – mit wenig Neugier auf neue Themen

Die Auswirkungen seien insbesondere bei jungen Menschen zu beobachten: Das Interessenspektrum unter 30-Jähriger habe sich in den vergangenen 15 Jahren stark verengt. Dies liegt laut Studie daran, dass Jugendliche sich heute früh daran gewöhnten, primär Informationen zu Themen zu suchen, die sie von vornherein interessieren. 
„Interesse für Politik oder Wirtschaft ist jedoch nicht naturgegeben und entsteht auch nicht plötzlich, sondern im Allgemeinen durch die kontinuierliche, geduldige Auseinandersetzung auch mit Themen, die zunächst eher als spröde oder langweilig empfunden werden“, erklärte Prof. Dr. Köcher. Dieser Prozess komme heute nicht mehr in dem Maß in Gang wie in Zeiten, in denen die regelmäßige Information über ein vorstrukturiertes Angebot in Fernsehen und Printmedien auch in der jungen Generation die Regel gewesen sei. Ihr Fazit: „Die Entwicklung des Interessenspektrums wie auch des Informationsstands der Gesellschaft hängen nicht nur von dem Informationsangebot ab, sondern in hohem Maß von der Bereitschaft und Disziplin, sich kontinuierlich und geduldig zu informieren.“

Chancen durch Einsatz von Künstlicher Intelligenz

Schon heute werden uns Bücher, Hotels und auch der vermeintlich passende Lebenspartner von Algorithmen aus dem Internet sehr gezielt vorgeschlagen. Banken, Behörden, Versicherungen und Unternehmen nutzen diese vernetzten, sich selbst optimierenden und lernenden Datenbanken, um Vorhersagen über unsere Zukunft zu treffen. Die Berechenbarkeit jedes einzelnen von uns scheint hoch. Das Netz weiß wo wir uns gerade aufhalten, was wir kaufen und auch wo wir schon gewesen sind. Wenn wir uns häufig im Netz aufhalten, erahnen diese neuronalen Netzwerke, was wir denken sollten. Dann bekommen wir entsprechende Informationsangebote, je nach Lebenssituation. Von der Partnervermittlung, Diabetes-Beratung bis hin zum Treppenlift-Angebot.
Der Musik-Streaming-Dienst Spotify schlägt uns dann auch regelmäßig eine Auswahl unserer Lieblings-Musik vor.
Wir müssen lernen, mit der Marktmacht von Google, Apple, Amazon, Netflix, Facebook & Co. sorgfältig und vorausschauend umzugehen. 
Nur – was lernen wir daraus?
Das Smartphone ist nach aktuellen Analysen der ARD/ZDF-Online-Studie 2016  mit 66 % erstmals das meistgenutzte Gerät für die Internetnutzung - noch vor dem Laptop mit 57 %. 
Bei der Mediennutzung führt das Video vor (67 %) vor dem Lesen von Artikeln und Kurzberichten. 
Dieser Entwicklung gilt es im aktuellen Medienmarketing der Zeitungsverlage Rechnung zu  tragen. 
Gläsern als Mensch und Medienkonsument geworden: Es regt sich auch Nachdenklichkeit über diesen Massenmedienkonsum. Scheinbar gratis. Aber wir bezahlen mit unserer ganz persönlichen Identität im Netz sehr teuer dafür.

Saulus oder Paulus?

Das Vertrauen in Medien und deren sauber recherchierten Inhalten ist die Voraussetzung für wirtschaftliches Überleben des Qualitätsjournalismus im digitalen Zeitalter.
Allerdings: Ohne Vertrauen der Medienkonsumenten in Qualitätsjournalismus wird das Medium Zeitung nicht überleben können. Dabei stehen Journalisten verstärkt im Zwiespalt zwischen ihrer journalistischen Verantwortung und immer stärker werdenden Forderungen an die Wirtschaftlichkeit der Zeitungsmedien. Algorithmen-gesteuerter Robert-Journalismus kann dabei helfen, Routineaufgaben der Journalisten zu erledigen und damit Freiräume für den Qualitätsjournalismus zu schaffen. 

Social Media – Chance und Fluch zugleich?

Das wahre Problem für Qualitätsmedien wie BBC, ARD, ZDF, ORF und SRG und die klassischen Zeitungsmedien ist nicht die Konkurrenz um digitale Bezahlmodelle – von freien privaten Zeitungsmedien oder über ein staatlich geregeltes gebührenfinanziertes Modell – gegeneinander zu kämpfen, sondern der freie, ungeprüfte Zugang von allen Menschen zu den Medien des Internet. Der große Unterschied dabei ist: Bei Social Media & Co. gilt:  „Jeder“ kann publizieren, darf Inhalte verfälschen, kann aus einer Wahrheit eine Lüge machen, reine Lügen verbreiten - und dafür belangt wird „Niemand“. Auf der einen Seite werden Inhalte – richtig oder falsch – milliardenfach weltweit in Sekundenschnelle publiziert – auf der anderen Seite gibt es keinen wirksamen Schutz vor persönlichen Diffamierungen und Mobbing.  Eine Entwicklung, die bei Zeitungs- und Zeitschriften-Medien schlicht undenkbar ist.
Wohin dieser so unheimlich schnelle Kommunikationskanal am Beispiel von Twitter führt, zeigen ja die täglichen Tweets des derzeitigen unsäglich agierenden amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Ungeprüfte und boulevardesk vermittelte Nachrichten aus der „Feder“ des mächtigsten Mannes der Welt, verunsichern, beleidigen, zerstören und schüren Ängste.
Auf internationale politische Regelungen für einen seriöseren Auftritt in der Massenkommunikation zu warten, greift viel zu kurz. Facebook sucht auch in Deutschland „Kooperationspartner“, um Fakenews frühzeitig zu identifizieren. Letztendlich könnte  und wird diese Entwicklung unsere Gesellschaft spalten – in gebildete, gut informierte Menschen, die in der Minderheit, sich als Elite verstehend, bleiben werden und in eine manipulierte Massenkonsumgesellschaft, die sich der Risiken ihres Tuns nicht bewusst ist. Aber von sich aus auch alles tut, dass „es so bleibt“. 
Das Netz ist außerhalb wirksamer Kontrolle geraten.
Doch deshalb Social Media nicht zu bedienen, wäre für Zeitungsmedienhäuser der falsche Ansatz.
Im Gegenteil: Qualitäts-Medien müssen Social Media bedienen. Damit können junge Medienkonsumenten erreicht werden, eine aktuelle, schnelle Berichterstattung mit geprüften, seriösen Inhalten erwirkt werden. Und ein Massenkommunikationskanal mit Milliarden-Nutzern kann dabei seriös bedient werden – mit allen daraus resultierenden Chancen für seriöse Zeitungs- und Zeitschriftenmedien.
Wieder die Besten von jungen Menschen für eine Karriere bei den Zeitungsmedien zu gewinnen?  Dabei führt an Xing, Facebook und LinkedIn kein Weg zu den zusätzlichen Möglichkeiten der Personalaquisition vorbei.
Es gilt, die Deutungshoheit über seriöse Inhalte mit sehr guter, seriöser Hintergrundinformation nicht nur zu behalten, sondern weiter auszubauen. 
Gegen den vielfach geäußerten infamen für manche Kreise als Kultwort verwendeten Vorwurf der „Lügenpresse“ mit geprüfter Qualität aufzutreten. 
Ohne kritischen, auch investigativem Journalismus, auch in Kooperationen zwischen Öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten und Zeitungshäusern schon jetzt sehr erfolgreich (Beispiel Panama-Papers) praktiziert,  funktioniert unsere Demokratie nicht weiter. 
Alle seriösen Medienkanäle müssen dabei professionell bespielt werden. 
Damit die traditionellen Zeitungsmedien berührende, interessante und – wahre Geschichten erzählen können. Mit wirtschaftlichen Freiräumen weiter offensiv agierend. 
Es geht um viel.                                                   -karma-

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