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20.05.2018

Facebook verspielt Vertrauen

24.04.2018
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Aus der Branche kommt deutliche Kritik. Die öffentliche Empörung der Medienschaffenden kommt um Jahre zu spät. Es war bleibt und ist das Geschäftsmodell von Facebook Gratisdaten zu sammeln und teuer zu verkaufen. Die Situation erinnert in fataler Weise an die Fehleinschätzung von Google bei vielen Medienmanagern. Wer Google nicht als Heilsbringer für Zeitungs- und Zeitschriftenmedien gehuldigt hat, wurde als ewig Gestriger gebrandmarkt.
Über 2 Milliarden weltweite Face-Nutzer können sich nicht irren. 
Oder doch?
Jeff Bezos und Mark Zuckerberg sind Milliardäre, weil sie unsere Daten billig bekommen und teuer verkaufen. Aber bezahlen wir wirklich nur mit persönlichen Informationen? 
Nein. 
Es geht um viel mehr. 
Im Skandal um den möglichen Missbrauch von mehr als 80 Millionen Nutzerdaten wird Facebook Benachrichtigungen an betroffene Nutzer versenden. 
Wenn ein Produkt im Internet nichts kostet, ist der Nutzer das Produkt. Wir bezahlen den Service mit unseren Daten. 
Daraus ergeben sich drei wichtige Fragen: 
a) Ist der Deal fair? 
b) Womit bezahlen wir noch zusätzlich? 
c) Und womit bezahlen wir in Zukunft? 
Kurzgefasst: Gestern bezahlten wir mit unseren Daten, heute mit Macht- und Kontrollverlust und morgen mit Arbeitsplätzen.

Facebook: 
Der Nutzer ist das Produkt
Ein Blick auf die Aktienkurse von Amazon und Facebook legt nahe: Die beiden Gründer Jeff Bezos und Mark Zuckerberg sind Milliardäre, weil sie unsere Daten billig bekommen und teuer verkaufen. Sie können das, weil wir noch nicht wissen, wie viel unsere Daten wert sind und wir ihnen alles erlauben, um unsere Daten in Geld zu verwandeln.
Bislang zucken wir kollektiv mit den Achseln. Bis gestern wurden wir für unsere Daten ja auch nicht bezahlt. Heute bekommen wir einen Service, umrankt von irritierend präziser Werbung. Sie spricht uns individuell an und erschafft für jeden einzelnen Nutzer diejenige Welt, die dem beworbenen Produkt am besten dient. Dabei werden einige reich; der große Rest der Gesellschaft wird es nicht.
Aber bezahlen wir wirklich nur mit Daten? Nein. Das zeigt der Skandal um Facebook und Cambridge Analytica. Wer seine Daten abgibt, gibt ebenso Macht ab. Mittlerweile taucht politische Propaganda in den Feeds der Nutzer auf – gesteuert von Auftraggebern wie der amerikanischen Milliardärsfamilie Mercer, die Präsident Donald Trump nahesteht. Das Ziel: die Gesellschaft zu verändern. Die Enthüllungen über Cambridge Analytica zeigen, wie skrupellos die Beteiligten vorgehen.
Natürlich ist Propaganda so alt wie die Gesellschaft selbst. Alt ist auch ihre Methode, Wahrheit mit Lügen zu mischen, bis der Einzelne nur noch seinen eigenen Emotionen vertraut. Neu ist, dass diese Emotionen individuell beeinflusst werden können. Neu ist, dass wir freiwillig unsere Daten dafür bereitstellen. Und neu ist, dass das etablierte Mediensystem als Schutzfilter gegen Propaganda umgangen wird. Historisch mussten Bewegungen zuerst staatliche Macht erringen, um dann umfassende Propaganda anzuwenden. Jetzt ist das andersherum. Wer soziale Medien nutzt, bezahlt also indirekt mit Machtverlust. Und diese Macht wird nicht immer in seinem Sinne verwendet.

Am Ende droht der Verlust 
von Arbeitsplätzen
Dieser Effekt zeigt sich gegenwärtig nur im Internet. Vermutlich gilt er aber auch für kommende Arten der Vernetzung. Einige sind bereits absehbar: So ermöglicht die Blockchain-Technologie, mit der beispielsweise das Digitalgeld Bitcoin abgesichert wird, ein Internet des Geldes und ein Internet der Verträge. Künstliche Intelligenz (KI) schafft die Basis für ein Internet der Algorithmen. Die digitalisierte Industrie 4.0 zeigt: Vernetzung wird allgegenwärtig, und dank der Künstlichen Intelligenz wird sie immer effizienter.
Auch in Zukunft werden Individuen und Unternehmen mit ihren Daten bezahlen, um Serviceleistungen zu erhalten. Der damit einhergehende Machtverlust aber bleibt. Ein Beispiel aus der Industrie 4.0: Wenn der deutsche Mittelstand seine Produktionsdaten großen US-Firmen überlässt, ist das kurzfristig vielleicht günstig und klug. Langfristig bedeutet der Datenabfluss aber auch Machtverlust. Und in der Industriepolitk heißt das mit großer Wahrscheinlichkeit: Wir werden diesen Wandel mit Arbeitsplätzen bezahlen. 
Zwei Dinge muss die Politik raschest neu regeln: Erstens muss das Datenschutzrecht durch Datennutzrecht ersetzt werden. Jeder muss den Wert seiner Daten kennen und einsetzen können, auch und gerade im Sinn des Staates. Die Blochchain-Technologie kann das technisch 
ermöglichen.

Ein später Whistle Blower
Mitte März 2018: Ein ehemaliger Mitarbeiter von Cambridge Analytica lässt die Katze aus dem Sack. Der Politikberatungsfirma, die unter anderem für das Wahlkampfteam des heutigen US-Präsidenten Donald Trump gearbeitet hatte, waren Jahre zuvor Informationen mehrere Millionen Facebook-Nutzer weitergegeben worden. 
Ein App-Entwickler hatte sie über eine Umfrage auf Facebook eingesammelt und dann unrechtmäßig an Cambridge Analytica weitergereicht. Das Pikante für Facebook: Das Soziale Netzwerk wusste seit Ende 2015 davon, verließ sich aber auf die Zusicherung, dass die Daten vernichtet worden seien und informierte seine Nutzer damals nicht.

Späte Empörung
Politiker sowohl in Europa als auch in den USA zeigten sich aufgebracht. Schnell wurden Forderungen nach strengerer Regulierung des Datenschutzes im Internet laut. Die britische Datenschutzbehörde ließ Daten bei Cambridge Analytica beschlagnahmen. Darauf beruft sich Facebook. Man könne nicht mehr angeben, welche Informationen genau in die Hände von Cambridge Analytica gelangt seien.

Das Nostra Culpa 
Über Wochen ebbte der globale Sturm der Entrüstung über Facebook nicht ab. Firmengründer und Chef Mark Zuckerberg hatte den Orkan zunächst über sich hinwegfegen lassen und sich in den Medien kaum zu Wort gemeldet. Dann startete er eine Entschuldigungs-Kampagne: In Blog-Einträgen und einer Telefonkonferenz mit Journalisten räumte er ein: „Das war unser Fehler.“ Facebook habe nicht genug unternommen, um seine Nutzer zu schützen. Zuckerberg versprach schärferen Datenschutz für die Zukunft.

Das Mea Culpa
Auf seiner Entschuldigungstour ging Zuckerberg nun über das Eingeständnis der Verantwortung seines Unternehmens hinaus: Das „war mein Fehler“, sagte er. Er trage am Ende die Verantwortung für alles, was bei Facebook passiere. Zugleich betonte Zuckerberg, er sei nach wie vor die richtige Person, um Facebook zu führen, da er aus Fehlern lerne. 

Zerknirschte Abbitte 
Das Schuldeingeständnis verwandelte Facebook in konkrete Gegenmaßnahmen. Zuckerberg versprach schärferen Datenschutz für die Zukunft. Ad hoc reduzierte Facebook nach eigener Aussage den Zugriff von App-Entwicklern auf Nutzerinformationen deutlich und Nutzer bekommen mehr Möglichkeiten zum Schutz ihrer Privatsphäre gemäß der EU-Datenschutz-Grundverordnung.
Auch will Facebook künftig bei der Personalisierung der Werbung nicht mehr auf die Informationen externer Datenhändler zurückgreifen. Wer Anzeigen zu politischen Themen schalten will, muss Identität und Standort bestätigen - das soll Manipulationen wie Propaganda aus Russland im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 verhindern.
Mark Zuckerberg trat bei der Anhörung durch den amerikanischen Kongress perfekt und medial bestens vorbereitet auf. Er gab – filmreif – den zerknirschten Milliardär, die Fragen der Kongress-Abgeordneten ließen den Schluss zu, dass sie nicht wissen, wie Facebook in der täglichen weltweiten Praxis funktioniert.

EU-Datenschutzregeln – also doch?
Zudem sollen ab Mai die Nutzungsbedingungen in einem seit langem geplanten Schritt an die EU-Datenschutz-Grundverordnung angepasst werden. Genau das aber, eine weltweite Anwendung der neuen EU-Datenschutzregelungen, hatte Zuckerberg noch Anfang April in einem Interview abgelehnt. Damals ließen seine Äußerungen darauf schließen, dass US-Facebook-Nutzer künftig schlechter gestellt sein könnten als Nutzer in der Europäischen Union. 
Die EU-Datenschutz-Grundverordnung tritt im Mai in Kraft. Ziel ist es, personenbezogene Daten besser zu schützen und die Verarbeitung der Daten durch Firmen einheitlicher zu gestalten. Sollten Unternehmen gegen die Auflagen verstoßen, drohen ihnen Strafzahlungen von bis zu 20 Millionen Euro oder bis zu vier Prozent ihres weltweiten Umsatzes.

Die Sache mit den Troll-Armeen und möglicher Wahlmanipulation
Neben dem hohe Wellen schlagenden Datenskandal um Cambridge Analytica geriet Facebook in einer anderen Causa in die Kritik: Ganze Heerscharen von Internet-Trollen missbrauchten die Plattform im US-Wahlkampf. Unter anderem die in Russland ansässige Gruppe und mutmaßliche Troll-Farm „Internet Research Agency“ hatte in großem Stil versucht, über gefälschte Facebook-Profile soziale Spannungen in den USA gezielt zu verschärfen und Stimmung für den schließlich siegreichen Kandidaten Donald Trump zu machen.
Für die internationalen Medienhäuser heißt es, Vor- und Weitsicht im Umgang mit Mediengiganten wie Facebook, Google und Amazon walten zu lassen.                                               
  -karma-

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